FAZ: Hochauflösendes Fernsehen

 

Artikel: Kochauflösendes Fernsehen FAZ


Als das Fernsehen noch kein lückenloser Vollzeitdienst war, bezogen die Zuschauer stets nach dem Zapfenstreich der Sender eine technische Referenz zu Zwecken der Justage: das Testbild. Heute kommen solche Vorlagen nicht mehr von selbst auf die Bildfläche. Dabei wären sie eigentlich notwendiger denn je: Hochauslösende Bildschirme zeigen Fehleinstellungen der Geräte deutlich gnadenloser als zu Zeiten des Röhren-Guckkastens. Und vor allem: Die Werkseinstellungen der Hersteller zielen darauf ab, jeden Fernseher immer noch ein bisschen spektakulärer aussehen zu lassen als den Konkurrenzapparat nebenan. Völlig überzogene Kontrast-, Schärfe-, Farbsättigungs- und Helligkeitswerte sind deshalb die Regel. Und wenn die Neuerwerbung schließlich nach dem Auspacken im Wohnzimmer steht, zweifelt der Zuschauer am Gegenwert seiner Investition und am Fortschritt der Technik: Gesichter sehen aus, als hätten sie auf der Sonnenbank eine bedrohliche Strahlendosis eingefangen. Kodierfehler und andere Schmutzeffekte des digitalen Fernsehens, die im Idealfall unauffällig bleiben, zeigen sich, durch Fehleinstellungen verstärkt, in ihrer ganzen Lästigkeit.
Wer sich traut, zappt dann in die einschlägigen Bildschirmmenüs und probiert so lange herum, bis er halbwegs plausible Darstellungen erzielt. Aber das Ergebnis bleibt eher Glückssache. Besser klappt es mit einer Testvorlage, und für solche Utensilien gibt derzeit kaum eine bessere Quelle als die Internet-Seiten von Klaus Burosch (www.burosch.de). Der Stuttgarter Video-Profi hat sein umfassendes Test-Repertoire kürzlich um ein besonders einfaches wie hilfreiches Bild namens „First TV Tuning“ ergänzt, mit dem die wichtigsten Einstellungen im Handumdrehen gelingen – und das auch noch gratis: Das Motiv steht samt Anleitung zum Herunterladen bereit.
Das im JPEG-Format kodierte Bild hat die volle HDTV-Auflösung von 1920 mal 1080 Bildpunkten, füllt also die heute üblichen Bildschirme exakt, will sagen, ohne Vergrößerung oder Verkleinerung (Fachbegriff: Skalierung). Rechts und links zeigt es zwei Graustufen zur Justage von Helligkeit und Kontrast, ferner feine Linienfelder und ein Fadenkreuz zur Schärfeeinstellung, und in der Mitte des Motivs lächeln zwei junge Damen um die Wette, die eine blond, die andere braun, um uns mit ihren unterschiedlichen Hauttönen und Haarfarben als natürliche Vorlagen für die richtige Farbeinstellung zu dienen. Zunächst gilt es, das Digitalbild auf die Mattscheibe zu bringen. Am einfachsten funktioniert der Transfer, wenn der Fernseher eine USB-Schnittstelle oder einen Speicherkarten-Leser an Bord hat: Dann lassen sich Mädels und Messbalken mit Stick oder Karte einspielen. Andernfalls muss ein Rechner her, der das Bild über einen VGA- oder einen HDMI-Eingang des Fernsehers anliefert.
Die erste Prüf-Prozedur gilt dem sogenannten Overscan. Das Phänomen ist ein Relikt aus Röhrenzeiten, als der Fernseher stets das Bild über die Mattscheibengrenzen hinaus streckte, um unsaubere Ränder zu kaschieren. In der digitalen Ära ist diese Maßnahme nicht nur überflüssig. Sie kostet auch Bildschärfe, und deshalb gehört Overscan, in manchen Bedienmenüs auch „Pixel to Pixel“ oder ähnlich genannt, grundsätzlich abgeschaltet. Das Testbild zeigt die Wirkung von Overscan: Die eingeschaltete Funktion kappt schwarze Pfeile an den Bildrändern; ist sie abgeschaltet, tangieren die Spitzen der Pfeile exakt die Bildgrenze.
Der zweite Justageschritt dient der Helligkeit. Der Wert stimmt, wenn der dunkelste Balken einer sechsstufigen Grautreppe schwarz bleibt und sich alle anderen Felder in ihrer Helligkeit klar voneinander unterschieden. Eine weitere, insgesamt hellere Grautreppe dient der Kontrasteinstellung: Heben sich alle sechs Felder klar voneinander ab, stimmt der Wert. Im vierten Schritt assistieren die beiden Damen bei der Einstellung der Farbintensität (Fachbegriff: Sättigung, im Bildschirmmenü meist „Farbe“ genannt). Die Hauttöne sollten weder sonnengegerbt noch zu blass wirken, auch der hellere Teint der blonden Schönen muss natürlich nuanciert bleiben, der weiße Bildhintergrund darf keinen Farbstich zeigen.
Übung Nummer fünf gilt der Bildschärfe, also der Einstellung jener elektronischen Helfer, die Konturen auf der Bildfläche nachziehen. Arbeiten sie mit Übereifer, zeigt ein filigranes schwarzes Fadenkreuz im Testbild weiße Säume; dann gilt es, die Schärfe niedriger einzustellen. Ein Feld aus dünnen vertikalen Linien dient ebenfalls als Indikator: Zu viel Schärfe bewirkt Doppelkonturen oder gar Modulationen, die sich in ungleichmäßiger Linienverteilung äußern. All diese Schritte lassen sich in ein paar Minuten absolvieren – ein Zeitaufwand, der sich lohnt: Der neue Fernseher zeigt auf einmal, was er wirklich kann. Und wer sich noch intensiver mit der Feinjustage befassen möchte, kann dazu ein noch wesentlich differenzierteres Instrumentarium von der Burosch-Webseite herunterladen: Für moderate 9,99 Euro gibt es dort eine Datei, aus der sich eine DVD mit Testvideos im HD-Format brennen lässt – abspielbar auf Bluray-Playern und auf Sonys Playstation. Sie enthält so ziemlich alles an Justagevorlagen, was das Herz des Heimkino-Fans begehrt, ganz gleich, ob er Plasma-Boliden oder hoch auflösende Beamer betreibt.
Ob blond, ob braun: Die beiden Damen (aus der Mitte des Testbilds, hier zum Kaleidoskop montiert) dienen als Farbvorlage. Links oben: perfekt justiert, rechts oben: zu intensive Farbe, links unten: zu viel Kontrast, rechts unten: zu hell.

Redakteur: Wolfgang Tunze / FAZ

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