FAZ: 3D Fotos auf 3D Fernseher

Auf verschlungenen Pfaden in die dritte Dimension 3D-Fotos könnten für Spaß auf dem Flachschirm sorgen. Haben die Konfektionäre der Fernseher ihre technischen Hausaufgaben gemacht? Und wie kommen eigentlich 3D-Fotos zur spektakulären Diaschau auf einen 3D-Fernseher?

Anruf von Klaus Burosch. Der Stuttgarter Spezialist für Video-Messtechnik steckt, wie alle einschlägigen Experten, derzeit knietief in der 3D-Materie. Testbilder, mit denen Profis die 3D-Fähigkeiten von Fernsehern in ihren Labors beurteilen können, hat er längst erstellt, Bilder, die Normalverbrauchern Entscheidungshilfen für 3D-Anschaffungen bieten, entwickelt er gerade. Und von solchen Aktivitäten ist es nicht weit zur Frage: Wie kommen eigentlich 3D-Fotos auf die Mattscheibe? Und wie kann man sie selbst erstellen? Burosch folgt dieser Fährte, und uns hätte er gern dabei.

Solche Einladungen nimmt man mit Vergnügen an. Denn auf regelmäßige Fernsehprogramme in 3D müssen wir noch eine Weile warten, das 3D-Repertoire an Filmen auf Bluray Disc ist noch denkbar schmal. Bis sich das ändert, könnten eigene 3D-Fotos für Spaß auf dem Flachschirm sorgen - wenn die Industrie noch in diesem Jahr die Szene mit 3D-tauglichen Kamera-Neuheiten belebt, und wenn die Konfektionäre der 3D-Fernseher ihre technischen Hausaufgaben gemacht haben. Haben sie? Und was müssen künftige 3D-Kameras können? Anders gefragt: Ist die Welt schon reif für die Diaschau in 3D? Das wollten wir wissen.

Fujifilm Finepix HD Player HDP L1

Schlägt Brücken: Fujifilm-3D-Adapter

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Knipst zweiäugig: 3D-Kamera Finepix Real 3D W1

Burosch 3D Bild

3D ohne Brille

Eine erste 3D-taugliche Digitalkamera gibt es schon seit dem vergangenen Herbst. Damals brachte Fujifilm sein Modell Finepix Real 3D W1 auf den Markt (um 450 Euro), das stereoskopische Bilderpaare mit zwei Objektiven einfängt. Die Datenblätter vermelden zwei Bildsensoren mit jeweils 10 Millionen Bildpunkten, einen dreifachen optischen Zoom, der nach Kleinbildmaßstäben die Brennweiten 35 bis 105 Millimeter abdeckt, und einen 42 Megabyte großen eingebauten Speicher, der sich mit SD- oder SDHC-Karten beliebig erweitern lässt.

Das Verblüffende an der ganzen Konstruktion: Fujis Entwickler haben offenbar überhaupt nicht an den Einsatz ihrer Kamera als Bildquelle für Fernsehschirme gedacht. Denn das Gerät knipst mit den klassischen Foto-Seitenverhältnissen 4:3 oder 3:2, 3D-Schirme aber haben die Proportionen 16:9. Auch die Auflösungen passen nicht zum Bildschirmraster. Fuji hatte eine ganz andere Infrastruktur im Auge: Der eingebaute Monitor und ein als Zubehör erhältlicher Betrachter zeigen die 3D-Motive plastisch, und zwar ganz ohne Brille, spezielle Fotodrucke, beschichtet mit feinen zylindrischen Linsen (Fachbegriff: Lentikularfolien) bringen die dritte Dimension sogar nach dem Prinzip der Wackelbilder aufs Papier. Allerdings vermitteln solche Medien zwar einen gewissen räumlichen Eindruck, sie können sich aber mit der Erlebnisqualität, die ein großer 3D-Schirm bietet, nicht annähernd messen.
Nirgendwo gibt es eine Anleitung

Immerhin hat Fuji inzwischen auf den plötzlichen Auftritt der Spezies der 3D-Fernseher reagiert: Ein Software-Update vermittelt der Kamera die Fähigkeit, im Bildschirmraster 1920 × 1080 Pixel aufzunehmen. Für die Übertragung dieser Bilder auf den Fernseher gibt es nirgendwo eine Anleitung. Also hat Burosch das Naheliegende ausprobiert: Einfach die Karte aus der Kamera nehmen, in den passenden Leseschlitz eines Plasma-3D-Fernsehgeräts von Panasonic stecken, Brille aufsetzen und schauen, was passiert. Experiment geglückt: Der Fernseher zeigt die Probeaufnahmen klaglos als 3D-Diaschau. Und die macht riesig Spaß: Die Raumtiefe vor und hinter dem Bildschirm, eine so ganz ungewohnte Sichtweise statischer Bilder in großen Formaten, begeistert einfach, Opas Diaabend ist dagegen kalter Kaffee. Zugleich zeigen Probeaufnahmen ein paar Grundsätzlichkeiten der 3D-Bildgestaltung: Sorgfältiger ausgewählte Perspektiven mit einem lohnenden Vordergrund-Motiv, einem differenzierten Mittelgrund und einem nicht allzu großflächigen Hintergrund sorgen für den spektakulärsten Eindruck von Raumtiefe. Liegt fast der ganze Bildinhalt in zu weiter Entfernung, wirkt das Bild eher flächig - wie eine gemalte Theaterkulisse hinter wenigen Vordergrund-Elementen. Rückt die Kamera dem Vordergrund-Motiv, etwa einer dekorativen Pflanze, zu nahe, springt dieser Teil des Bilds weit nach vorn aus der Mattscheibe heraus, oft so weit, dass die Augen ihn nur noch angestrengt fokussieren können, indem sie leicht schielen. Das ist einer jener Effekte, die in 3D-Filmen gelegentlich zu den berüchtigten Schwindelgefühlen beitragen, vor denen selbst die Bedienungsanleitungen von 3D-Fernsehern warnen.

Zurück zur Technik: Klappt denn die Fotowiedergabe auch auf den 3D-Fernsehern anderer Hersteller? Die Finepix-Kamera speichert die Bilder im Format „ .MPO“, das ist nichts anderes als eine Datei, in der die Daten von zwei JPEG-Bildern hintereinander gespeichert sind. Panasonic-Fernseher können sie dekodieren, die 3D-Geräte von LG ebenfalls. Die Modelle von Samsung dagegen müssen passen. Für solche Geräte bietet Fujifilm einen kleinen Kartenleser-Adapter namens HDP-L1 an (um 40 Euro), der die 3D-Bilder in Side-by-Side-kodierte Videos umwandelt und über die HDMI-Schnittstelle an den Fernseher ausgibt. Doch diese Lösung ist ein Kompromiss: Der Adapter reduziert die Auflösung auf 720 Zeilen, schluckt einen Teil der Feinzeichnung und überzieht auch die Farbsättigung - kurz, er kostet deutlich sichtbar Qualität.

Somit erkennen wir: Es gibt überhaupt keinen Standard, der festlegen würde, wie digitale 3D-Fotos gespeichert werden müssen, damit sie sich auf allen 3D-Fernsehern zeigen können. Das lässt nichts Gutes ahnen: Samsung, Sony, Panasonic - sie alle könnten nun 3D-Fotoapparate bauen, die nur mit den 3D-Fernsehern der eigenen Marke kompatibel sind. Die Industrie wäre gut beraten, hier schleunigst nachzubessern; sie würde sonst einen interessanten Markt versenken. Vielleicht sind Sonys jüngste Ideen zum Thema ein plausibler Ausweg: Die brandneuen Kameras NEX-3 und NEX-5 schießen 3D-Fotos mit nur einem Objektiv - einfach durch schnelle Serienaufnahmen, während der Fotograf das Gerät schwenkt. Die eingebaute Digitalelektronik errechnet daraus 3D-Motive und speichert sie als MPO-Dateien in einem speziellen digitalen Container, der sich „Multi Picture Format“ (MPF) nennt. Der Fernseher muss sich damit nicht herumschlagen: Er bezieht die Bilder über die HDMI-Schnittstelle der Kameras in Form von statischen Side-by-Side-Videos. Deren Wiedergabe klappt mit jedem 3D-Bildschirm. Wie gut das am Ende aussieht, wird sich zeigen.

Text: F.A.Z. Zeitung 2011